Die Geschichte der Falknerei

2014 wurde die Falknerei in Deutschland in das Verzeichnis des immateriellen Kulturerbes der UNESCO aufgenommen. In Frankreich, Österreich, der Mongolei, Belgien und vielen weiteren Ländern war entsprechendes bereits 2010 geschehen.

Die Entstehung

Die Beizjagd entstand vermutlich vor ca. 3.500 Jahren in Zentralasien. Da es in der Steppe keine Deckung gab und es schwer war die schnellen Beutetiere einzuholen oder überhaupt nahe genug an sie heranzukommen, war die Jagd mit einem „geflügelten Helfer“ äußerst zweckmäßig.

Im antiken Ägypten wurden Falken zwar als Götter verehrt – allen voran die falkenköpfige Sonnengottheit ‚Re‘ oder ‚Ra‘- aber es ist noch unklar, ob dort auch die Beize ausgeübt worden ist. In Abydos wurde eine Grabstätte mit einbalsamierten, goldverzierten Falkenmumien, sowie intakte Falkeneier entdeckt.

Auf einem assyrischen Relief aus den Ruinen von Khorsabad – aus dem Ende des 8. Jahrhunderts v. Chr. Zeigt vermutlich eine Szene aus der Beizjagd: einen Falkner mit einem Falken auf der Faust.

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Statue des ägyptischen Gottes Horus

Die Beizjagd in Europa

Völkerwanderungszeit und Frühmittelalter

Bereits Aristoteles erwähnte die Falknerei bei den Thrakern und Indern im 4. Jahrhundert vor Christus. Um 79 n. Chr. Beschrieb Plinius ebenfalls die Beizjagd bei den Thrakern, während sie von den Römern anscheinend noch nicht ausgeübt wurde. Sie verwendeten für die Vogeljagd noch Wurfhölzer, Schlagnetze und Leimruten.

Die Germanen wurden im 2. bis 4. Jahrhundert n. Chr. Durch die Sarmaten mit der Falknerei vertraut, im Zuge der Ausdehnung der Goten. Diese Kenntnisse vermittelten sie dann den Kelten weiter.

In Rom wurde die Falkenbeize erst durch den Sohn des römischen Kaisers Avitus eingeführt. Von dem Volk der Vandalen wurde sie schließlich im Verlauf der Völkerwanderung nach Spanien und schließlich weiter zur westlichen Mittelmeerküste Nordafrikas gebracht.

In Quedlinburg wurde ein weiblicher, ausgewachsener Habicht als Grabbeigabe gefunden, was man als Zeugnis der Ausübung der Beizjagd bei den Germanen ansieht. Die Beize erfreute sich bei germanischen Stämmen bald großer Beliebtheit.

Hochmittelalterliche Blüte

Seit der karolingischen Zeit war die Beliebtheit der Beizjagd wohl stark zurückgegangen. Erst durch neue Kontakte mit der östlichen Welt infolge der Kreuzzüge erlebte sie im Hochmittelalter eine neue Blüte. Dabei entwickelte sie sich auch zu einem Statussymbol und Privileg von Adel und Klerus.

Besonders der Staufenkaiser Friedrich der II. hegte eine große Leidenschaft für die Falknerei. Hierfür waren seine guten Kontakte mit der östlichen Welt natürlich enorm von Vorteil. Seine akkuraten Beobachtungen und Aufzeichnungen der heimischen Fauna wurden von arabischem Fachwissen über die Beizjagd ausgezeichnet ergänzt. Dieses Wissen floss letztendlich in seinem Werk „de arte venandi cum avibus“ – über die Kunst mit Vögeln zu jagen zusammen. Dieses Werk war seiner Zeit weit voraus und hat auch noch heute Gültigkeit.

Da man für die Falknerei sowohl Willensstärke, als auch Geduld und Fürsorge aufbringen muss, war sie für Friedrich II. eine ideale Übung für die Führung von Menschen. Für ihn stellte der ideale Falkner auch den idealen Herrscher dar.

Absolutismus

Der Absolutismus verlieh der Beizjagd erneut zu einer Hochphase. Da sie kostspielig ist und eine große Anzahl an sehr gut ausgebildetem Personal benötigt, war ein großes Falknerkorps ein Zeichen von Reichtum und Macht.

Im 16. Jahrhundert entwickelte sich die Praxis der Beizjagd auch in Brabant. Valkenswaard wurde zum wichtigsten Zentrum der Falknerei. Die valkenswaarder Falkner boten ihre abgerichtenen Vögel den Fürstenhäusern aus ganz Europa an.

Karl Wilhelm Friedrich von Brandenburg-Ansbach unterhielt im 18. Jahrhundert auf seinem Landsitz bei Ansbach mit 51 Mitarbeitern eine der größten Falknereien Europas. Er ordnete ebenfalls die Übersetzung des Falkenbuchs Friedrichs II. an, hierfür musste der Übersetzer sich jedoch für die Fachsprache der Beizjagd mit den flämischen Falknern am Hofe austauschen. Auf diesem Weg gelangten einige der flämischen Ausdrücke in die Fachsprache der modernen deutschen Falknerei.

 

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zwei Abbildungen aus der Schrift Friedrichs II. „de arte venandi cum avibus“

Konradin

Die Falknerei heute

Heute ist die Ausübung der Falknerei nicht länger Privileg einer einzigen sozial höher gestellten Gruppe innerhalb der Gesellschaft. Sie setzt lediglich das nötige Fachwissen, sorgfältigen Umgang mit den Tieren und die richtigen Haltungseinrichtungen und Ausrüstung voraus. Um in Deutschland als Falkner praktizieren zu dürfen, muss man zunächst zwei staatliche Prüfungen absolvieren: zuerst die Jäger- und später die eigentliche Falkner-Prüfung.

Und der Jagdschein heißt nicht umsonst „das grüne Abitur“: Zum Lehrstoff gehören neben Wildbiologie auch Jagdrecht und verwandte Rechtsgebiete, das Wissen um die richtige Hege von Wildtieren und die Verbesserung und Pflege der Lebensräume, sowie Einblicke in Wald- und Ackerbau.

Generell kann man die moderne deutsche Falknerei grob in zwei „Zweige“ unterteilen: Die Beizjagd und die sogenannte „Burgfalknerei“.

 

Falkenbeize in Xanten, Nordrhein-Westfalen Die Falkner beim Schaufliegen von links nach rechts: Wanderfalk, Präriefalk, Wanderfalk, Präriefalk, Habicht rot, Habicht alt, Habicht jung
Beizjagd in Xanten, 1960

Die Beizjagd

Die Beizjagd wird selten hauptberuflich ausgeübt, sondern wie auch die Jagd mit Waffe meist als nebenberufliche Passion. Allerdings werden etwa auf Flughäfen auch heute noch angestellte Falkner beschäftigt, die mit ihren Greifvögeln die auf dem Gelände lebenden Wildvögel vergrämen. Dadurch wird dem für Flugzeuge äußerst gefährlichen Vogelschlag vorgebeugt.
Auch für andere Vergrämungsarbeiten werden Falkner engagiert: Zum Beispiel um in Ställen wilde Vögel daran zu hindern, von den Dachbalken aus das Futter der Nutztiere zu verkoten (wodurch auch leicht Salmonellen eingetragen werden). Oder die Kaninchenflut in Friedhöfen und Parks einzudämmen und Tauben in Städten zu verscheuchen und zu dezimieren, deren Kot Denkmäler und historische Gebäude angreift und sehr abträglich für die Gesundheit der Menschlichen Bewohner ist (es gibt in Deutschland bereits zwei verzeichnete Todesfälle Aufgrund von Taubenkot-Belastung). Der Vorteil der Beizjagd liegt darin, dass durch ihre Ausübung die öffentliche Ordnung und Sicherheit in der Regel nicht gefährdet wird. Aus diesem Grund kann sie an vielen Orten eingesetzt werden, an denen die Jagd mit der Waffe undenkbar ist.

Ein weiterer Vorteil der Beizjagd ist, dass im überwiegenden Teil der Fälle das Beutetier entweder geschlagen wird oder unverletzt entkommt. Außerdem ist sie prinzipiell die natürlichste Jagdform die man sich vorstellen kann, da sich Greifvogel und Beutetier direkt in ihren Fähigkeiten messen, wie es auch bei wilden Raubtieren in der Natur der Fall ist – mit dem Unterschied, dass der abgetragene (ausgebildete) Greifvogel im Falle des Versagens nicht wie seine wilden Artgenossen mit hungrigem Magen zurückbleibt, sondern dennoch vom Falkner eine Belohnung für seine Mühen erhält. Das einzige – indirekte – Einwirken durch den Menschen während des Jagdfluges ist die sorgfältige Ausbildung, die dem Vogel zuvor zuteilwurde.

 

Falke mit Schmuckhaube
Sakerfalke mit Prachthaube

Die Burgfalknerei

Die Burgfalknerei dient eher zur Unterhaltung und Vermittlung von Informationen für Besucher. Eine Falknerei muss nicht zwingend auf einer Burg oder einem Schloss untergebracht sein, mittlerweile bauen auch viele Zoos, Wild- und Vogelparks Flugshows mit Greifvögeln in ihr Programm ein.

Engagement für die Natur

Sowohl privat praktizierende Falkner als auch Falknereien betreiben –oft auch in Kooperation mit den schon erwähnten Zoos, Wild- und Vogelparks – Zuchtprogramme und tauschen die nachgezüchteten Tiere untereinander aus um den Genpool zu erweitern. Die auf diese Weise entstehenden Nachzuchten werden auch zur Auswilderung und Stabilisierung der wilden Populationen verwendet. Berühmte Beispiele hierfür sind etwa die Wiederansiedelung des Bartgeiers in den Alpen, oder die Rettung der durch das Pestizid DDT stark dezimierten Wanderfalkenpopulation. Außerdem haben deutsche Falkner einen großen Anteil daran, dass der Wappenvogel der USA – der Weißkopfseeadler – wieder „auf die Schwingen“ kommen konnte.

Das Fachwissen der Falkner kommt nicht nur den eigenen Vögeln zugute, sondern ermöglicht es auch, aufgefundene Wildvögel wieder gesund zu pflegen und aufzupäppeln: In der Winterzeit werden bei vielen Jägern, Falknern, Falknereien und Auffangstationen ausgehungerte Greife und Eulen abgeliefert, die aufgrund der dichten Schneedecke oder wegen anhaltend schlechten Wetters keine Beute machen konnten.

Die meisten Tierärzte haben zwar Erfahrung mit der Behandlung von Haustieren, einen verletzten Greifvogel oder eine verletzte Eule korrekt zu identifizieren, zu behandeln und nach der Genesung wieder auf das Leben in der Natur vorzubereiten ist jedoch eine Aufgabe, die sie nicht ohne weiteres bewältigen können. Deshalb arbeiten mittlerweile viele Falkner mit Veterinären zusammen, um das Fachwissen mit dem medizinischen know-how und der nötigen Ausrüstung zu kombinieren. Dabei werden die Arztkosten häufig privat von den Falknern übernommen – weder hierfür, noch für die Zeit die sie in die Pflege der Wildvögel investieren, erhalten sie vom Staat irgendwelche Subventionen. Muss ein Greifvogel oder eine Eule aus irgendeinem Grund – beispielsweise aufgrund einer Fraktur – längere Zeit in menschlicher Obhut verbringen, so verlernt er das Jagen und verliert seinen natürlichen Jagdinstinkt. Aus diesem Grund müssen solche Tiere erst falknerisch abgetragen und trainiert werden, bevor man sie wieder auswildern kann. Nach der Auswilderung verlieren die Tiere nach und nach wieder ihr Vertrauen zum Menschen und kehren zu ihrer natürlichen Scheu zurück.

 

Schleiereule
handaufgezogene Schleiereulen-Küken bei der Fütterung

 

Wanderfalke
Ein Wanderfalke startet vom Handschuh seines Falkners